Der Preis der Liebe

Dass Liebe schmerzhaft sein kann, dass sie die Liebenden zerreißen kann, weil sie sie zur Entscheidung zwingt, ist nichts Neues; diese Einsicht bildet das Fundament eines jeden Liebesromans. Doch nur wenigen Schriftstellern gelingt es, die Liebe mit all‘ ihren Licht- und Schattenseiten so eindringlich zu beschreiben, wie dem Norweger Karl Ove Knausgård. In einem wortgewaltigen Panorama beschreibt er ihre verschiedenen Facetten. Für ihn steht z.B. die Liebe zu seiner Frau und zu seinen Kindern immer in Konkurrenz zu seinem großen Bedürfnis, allein zu sein. Alleinsein ist für ihn unbedingt notwendig, um schreiben zu können. Hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Liebe, den Bedürfnissen seiner Frau und seiner Kinder und seinem großen Wunsch allein zu sein, kämpft er sich durchs Leben. Nicht umsonst lautet der norwegische Originaltitel „Mein Kampf“.

Knausgård bettet seine Auseinandersetzung mit der Liebe ein in eine ausführliche, detaillierte Beschreibung seines Alltags, seiner Freunde, Bekannten und Kollegen ebenso wie der morgendlichen Zigarette auf dem Balkon oder des Essens auf dem Teller. Dabei schreibt er über die Banalitäten des Alltags in einer Weise, dass sie funkeln und leuchten. Seine intensive Selbsterkundung hat ihre Längen und ist gewiss nicht jedermanns Sache; eher Schwarzbrot, das man lange und gründlich kauen muss, damit es seinen Geschmack entfaltet, als ein süßes Sonntagsbrötchen. Doch die Mühe lohnt sich. Immer stieß ich bei der Lektüre auf Passagen, die etwas in Worte fassen, das die biografische Ebene übersteigt und für das menschliche Leben von entscheidender Bedeutung ist, etwa wenn er über den Preis nachdenkt, eine Familie zu haben und dafür ein großes Maß an Selbstbestimmung aufzugeben. Am ersten Morgen, an dem sie gemeinsam aufwachen, als alles noch ganz frisch und leicht ist, sagt Knausgård ihr, dass er Kinder mit ihr haben möchte. Als seine Einsamkeitswünsche und das dringende Bedürfnis, allein zu sein, um schreiben zu können, sich immer mehr zwischen sie drängen, geht ihm durch den Kopf, dass er das nicht nur einfach dahin gesagt, sondern aus ganzem Herzen empfunden hatte. „Ich wollte Kinder mit ihr haben. Das hatte ich nie zuvor empfunden. Und dass ich so erfüllt davon gewesen war, ließ mich sicher sein, dass es richtig war. Ohne jeden Zweifel. Aber zu jedem Preis?“ Knausgård setzt mit diesem Buch sein autobiografisches Projekt fort, das er mit „Sterben“ (2011, Rezension siehe unter diesem Link) begonnen hat. Ich esse gerne Schwarzbrot und freue mich daher auf den nächsten Band.

Karl Ove Knausgård: Lieben. Roman. München, Luchterhand 2012.Das Buch können Sie bei der borro medien gmbh kaufen.

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